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| Vor wem kniete Willy Brandt? |
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Erhard Eppler
Berufe können Menschen deformieren. Der des Politikers besonders.
Oft wissen Politiker nicht mehr, wozu die Macht gut sein soll, um die sie kämpfen.
Sie verhärten, ihr Blick verengt sich, sie werden zynisch.
Nicht so Willy Brandt.
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Er ist im politischen Gerangel reifer geworden, gelassener, geduldiger, grosszügiger, humorvoller,
weiser. Man vergleiche nur die Fotos des 75 - Jährigen mit denen des 50 - Jährigen.
Am tiefsten hat sich mir eine Begebenheit eingeprägt, in der Willy mehr als sonst aus sich herausging.
Wenige Tage nach seinem Kniefall im Warschauer Ghetto hatte er die sozialdemokratischen Minister seiner
Regierung am Abend zu einer Besprechung in den Kanzler - Bungalow eingeladen.
Als wir fertig waren, es war schon Mitternacht, bat er mich, noch etwas zu bleiben. Ich tat es gerne, denn
Willy unter vier Augen war nichts Alltägliches. Als wir vor unserem Whisky sassen, reichte er mir die
Bildzeitung.
Dort wurde der Kanzler kritisiert wegen des Kniefalls, und zwar mit der Begründung: 'Knien tut man nur
vor Gott.' Während ich, der langsame Schwabe, noch überlegte, was ich dazu sagen könnte, brach
es aus Willy heraus. 'Woher wissen diese Schweine, vor wem ich gekniet bin?' Jetzt konnte ich nur noch
schweigen.
* Erhard Eppler war von 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.
30.11.03 - Quelle: vorwärts print 01.12.2003
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