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Fragen an Prof. Gesine Schwan
Die Bundesversammlung tritt am 23. Mai in Berlin zusammen, um die Nachfolge von Bundespräsident Johannes Rau zu regeln. SPD und Grüne sind der Meinung, dass es an der Zeit ist eine Frau ins höchste Amt des Staates zu wählen.

Ihre Kandidatin, Prof. Gesine Schwan, Präsidentin der Europa - Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), hat uns dieses Interview gegeben.

Frau Schwan, was wollen Sie mit Ihrer Präsidentschaft bewirken?

Gesine Schwan
Ich will dazu beitragen, mehr Vertrauen in unsere Demokratie zu schaffen. Ich will der Ökonomisierung aller Lebensbereiche entgegentreten und dafür sorgen, dass Werte und Vertrauen wieder zu zentralen Kategorien unseres Gemeinwohls werden. Auf dieser Basis lassen sich dann auch Reformen verwirklichen. Politik muss mehr sein als Ökonomie - sonst schafft sie sich selber ab.

Wie wollen Sie das erreichen?

Gesine Schwan
Der Präsident muss das gesellschaftliche Umfeld mit prägen, zerstrittene Akteure wieder zusammen bringen, Vertrauen schaffen - mit hoher analytischer Kompetenz. Reformen und mehr Flexibilität, auch Verzicht auf bisheriges, kann Politik nur erreichen, wenn sie eine Grundsicherheit in der Gesellschaft schafft. Wir müssen psychisch - politische Sicherheit schaffen, damit wir dann die Flexibilität und den Mut zur Veränderung aufbringen.

Und das könnte eine Frau im höchsten Staatsamt besser als ein Mann?

Gesine Schwan
Ich bin nie auf dem Frauenticket gereist. Trotzdem glaube ich, dass Frauen andere Sozialisationen und damit andere Erfahrungen als Männer haben. Diese in das höchste Staatsamt einzubringen, finde ich schon deshalb wichtig, weil es bislang in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nur Männer in diesem Amt gegeben hat. Frauen haben in der Regel ein anderes Verständnis von Macht - und damit auch von Politik.

Was bedeutet für Sie Macht?

Gesine Schwan
Macht ist notwendig, um Dinge in Bewegung zu setzen. Macht kann sich dann positiv entfalten, wenn eine bestimmte Herzensklugheit dazukommt und Menschen sich hinter ihr zusammenfinden. Politik ist nicht allein eine Frage des Verstandes und der Vernunft. Ob Menschen gut oder schlecht sind, darüber entscheidet nicht allein die Intelligenz. Herz und Gefühl müssen dazu kommen. Aber diese Kultur des Herzens ist in Deutschland leider nicht genug ausgeprägt.

Was bedeutet das für ihre Amtsvorstellung?

Gesine Schwan
Ich will mich am Machtbegriff der Philosophin Hannah Arendt orientieren. Sie versteht unter Macht die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zu bündeln. Dies nenne ich die 'konsensuale Macht'. Die Chance, solche Macht auszuüben, ist im Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin besonders gross.

Bundespräsidenten haben bisher überwiegend durch ihre Reden gewirkt. Was für Reden werden Sie halten?

Gesine Schwan
Es werden Reden sein, die die geistige Situation der Bundesrepublik beleuchten. Dabei stehen Werte im Mittelpunkt. Es sind die Werte, die unserer Verfassung zugrunde liegen: Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Gleichheit meine ich als gleiche Würde für alle Menschen. Man muss diese Gleichheit lieben und nicht nur zähneknirschend hinnehmen. Und jeder muss sie auch erfahren können. Freiheit vor Not und Furcht - das ist mir wichtig.

Welchem der bisherigen Bundespräsidenten fühlen Sie sich am nächsten?

Gesine Schwan
Richard von Weizsäcker. Ich halte ihn für einen differenzierten sensiblen Mann, der die grosse Linie nie aus dem Augen verloren und sich nicht parteipolitisch gebunden hat. Er hat verstanden, welche Rolle die Vergangenheit bei der Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft spielt. Und er drückt auch komplizierte Dinge so aus, dass sie nicht populistisch aber doch verständlich sind.

Was macht Sie optimistisch, am 23. Mai auch gewählt zu werden?

Gesine Schwan
Erstens bin ich ein zuversichtlicher Mensch. Zweitens habe ich genügend Personen in allen Parteien kennen gelernt, die - wenn es ihnen richtig erscheint - bereit sind, sich nicht an die Parteidisziplin zu halten. Ich selbst habe das bisweilen auch so gemacht. Nach meinem Eindruck glauben eine ganze Reihe von Personen, dass neue Akzente nötig sind, auch in diesem Amt. Und wenn ich diesen Menschen deutlich machen kann, was ich unternehmen möchte, um der deutschen Politik in Europa und in der Welt weiter zu helfen, dann kann ich mir schon vorstellen, dass eine genügend grosse Zahl in der Bundesversammlung den Eindruck gewinnt: Die wollen wir unterstützen.

Gesine Schwan: 'Ich will dazu beitragen, wieder mehr Vertrauen in unsere Demokratie zu schaffen.'

24.03.04 - Quelle:
 
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