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| Ich komme aus einem linken Elternhaus |
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Gesine Schwan soll die nächste Bundespräsidentin werden. So will es die SPD. Der vorwärts
sprach mit der Präsidentin der Europa - Universität Viadrina in Frankfurt / Oder über ihre
Kandidatur, ihr Verhältnis zur SPD und die Ehrlichkeit in der Politik.
Frau Professor Schwan, seit Sie Präsidentschaftskandidatin der SPD sind, können Sie in der Zeitung
über ihre langen Beine lesen, werden im Fernsehen zu ihrer Frisur befragt. Das Äussere Ihres
Gegenkandidaten wird dagegen nicht thematisiert. Ist es richtig, dass Männer und Frauen immer noch mit
zweierlei Mass gemessen werden?
Schwan
Es ist sicher nicht fair, aber ich würde das für mich persönlich nicht so hoch hängen.
Ich finde es wichtig, dass Frauen sich unabhängig von ihrem Äusseren selbstbewusst verhalten und
dass sie sich nicht abhängig machen von solchen Urteilen.
Welche Rolle spielt bei Ihrer Kandidatur die Tatsache, dass sie eine Frau sind?
Schwan
Bundeskanzler Schröder und die SPD wollten eine Frau für das Amt vorschlagen, und es ist auch
wirklich an der Zeit, dass eine Frau dieses Amt bekleidet. Ich merke in meinen Gesprächen, dass viele
Bürger - gerade auch die Männer - denken, jetzt sollte eine Frau Bundespräsidentin werden.
Warum wollen Sie Bundespräsidentin werden?
Schwan
Ich möchte durch Reden und Überzeugen, durch Ermutigung und Zuspruch der Gesellschaft helfen, ihre
demokratische Orientierung auch unter schwierigen Herausforderungen zu festigen. Ich möchte den
Deutschen wieder zu mehr Selbstvertrauen verhelfen. Wir haben seit der Gründung der Bundesrepublik
Grossartiges aufgebaut und geleistet. Das können wir auch in Zukunft.
Sie fordern mehr Ehrlichkeit der Politiker im Umgang mit den Bürgern. Wo sehen Sie denn konkret
Unehrlichkeit?
Schwan
Politik und Gesellschaft müssen den Realitäten ins Auge sehen. Die Agenda 2010 ist ein wichtiger
Schritt, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Jetzt wäre es wichtig, dass die gesellschaftlichen
Gruppen ehrlich miteinander erörtern, in welcher Gesellschaft sie zukünftig leben wollen und vor
allem, welche gemeinsamen Interessen sie dabei haben. Wenn die Menschen sich mit ihren unterschiedlichen
Bedürfnissen gegenseitig anerkennen, schafft das mehr Sicherheit und mehr Vertrauen. Aber weite Teile
der Gesellschaft scheinen die Einsicht in objektive Sachzwänge zu verweigern, nach dem Motto, dass nicht
sein kann, was nicht sein darf. Problematischer finde ich ein weit verbreitetes passives
Demokratieverständnis. Da wird gesagt, die Politiker sollen uns jetzt gefälligst Lösungen
präsentieren. Ich glaube, das reicht nicht. Wir als Bürger müssen uns selbst beteiligen,
Reformen voranbringen und Zukunftsprojekte entwickeln. Wir alle tragen Verantwortung für unser Land.
Sie sind als Sozialdemokratin nominiert worden. Was bedeutet Ihnen die SPD?
Schwan
Ich komme aus einem linken Elternhaus, Freiheitsliebe und soziales Engagement sind mir seit meiner Kindheit
nahe gebracht worden. Ich will, dass alle menschenwürdig und selbstbestimmt leben können. Aus
meiner Sicht stellt die SPD seit ihrer Gründung die gleiche Würde aller Menschen und die
Selbstbestimmung besonders überzeugend in den Mittelpunkt ihrer Politik.
Manche Sozialdemokraten verlassen die Partei, weil sie in der Regierungspolitik eine Abwendung von den
sozialstaatlichen Traditionen der SPD sehen. Können sie das nachvollziehen?
Schwan
Nein, denn ich kann eine solche Abwendung nicht erkennen. Die SPD bemüht sich unter schwierigen
Bedingungen, die nötigen Reformen in einer Art und Weise durchzuführen, dass die Würde und
die Selbstbestimmungsrechte aller gewahrt bleiben. Das hängt damit zusammen, dass wir Sozialdemokraten
eben nicht glauben, man müsse den Menschen nur anständig drohen, dann strengten sie sich an. Man
muss die Menschen vielmehr herausfordernd ermutigen, sie stärken, dann überwinden sie die
Schwierigkeiten.
Sie und die SPD hatten es in den 80 er - Jahren ja nicht leicht miteinander. Als Sie Willy Brandt
kritisierten, er betone, in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus zu wenig die Freiheit, sind Sie 1984
nicht wieder in die SPD - Grundwertekommission berufen worden. Haben Sie das verstanden oder haben Sie sich
ungerecht behandelt gefühlt?
Schwan
Ich habe mich ungerecht behandelt gefühlt und war sehr traurig darüber. Aber das ist schon so
lange her. 1996 bin ich von Wolfgang Thierse erneut berufen worden, und diese Berufung habe ich gerne
angenommen. Gerhard Schröder hat mir einmal gesagt, er selbst habe seine Position über die Jahre
mehr ändern müssen als ich. Diese Äusserung zeigt seine Souveränität, die ich sehr
schätze.
Sie haben Gerhard Schröder kritisiert, dass er den Bezug seiner Politik zu sozialdemokratischen Werten
zu wenig deutlich mache. Franz Müntefering hingegen haben Sie genau für diese gelungene Anbindung
gelobt. Ist das richtig?
Schwan
Nein, das ist nicht korrekt wiedergegeben. Politiker haben unterschiedliche Begabungen. Gerhard Schröder
scheut das Pathos, deshalb spricht er wenig über Werte. Franz Müntefering liegt die
öffentliche Rede über sozialdemokratische Werte mehr. Deshalb finde ich die Rollenverteilung
vernünftig, die jetzt zwischen dem Kanzler und dem neuen Parteivorsitzenden gefunden wurde.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Gerhard Schröder beschreiben?
Schwan
Bevor ich ihn persönlich kennen gelernt habe, habe ich ihn vor allem als machtorientierten Politiker
wahrgenommen. Aber aus der Nähe habe ich erfahren, dass er mit sehr viel mehr Ernsthaftigkeit und
Leidenschaft hinter seiner Politik steht, als ich früher gedacht habe. Ich schätze auch seine
Fähigkeit, sich selbst zu relativieren und vieles mit Humor zu sehen.
Die Opposition und Herr Köhler selbst sehen seine Kandidatur als einen Schritt zum Sturz der amtierenden
Bundesregierung. Ist diese Absicht mit dem Amt des Bundespräsidenten überhaupt vereinbar?
Schwan
Der Bundespräsident darf nicht parteipolitisch agieren. Er darf weder die eine Regierung ablehnen, noch
sich eine andere ins Amt wünschen. Das ist nicht seine Aufgabe, und so würde ich dieses Amt auch
niemals wahrnehmen.
05.04.04 - Quelle: vorwärts print
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